Forschung an der HSAP

Kompetezzentrum Neurodivergenz

Forschung, Qualifizierung und Vernetzung für neurodivergente Kinder und Jugendliche im Berliner Bildungssystem

Warum es uns gibt

Internationale Forschung schätzt den Anteil neurodivergenter Menschen – darunter ADHS, Autismus-Spektrum, FASD, Dyslexie und Dyskalkulie – auf 15 bis 20 Prozent (vgl. The Neurodiversity Directory). Bei rund 625.000 jungen Menschen unter 18 Jahren in Berlin betrifft dies, je nach zugrunde gelegter Definition, bis zu 125.000 Kinder und Jugendliche, die im Bildungssystem auf Strukturen treffen, die primär für neurotypische Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Interaktionsformen ausgelegt sind (Armstrong, 2015).

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie weist für 2025 bis zu 2.800 verkürzt, unregelmäßig oder gar nicht beschulte Kinder aus, darunter 1.700 bis 2.100 aufgrund von bislang nicht systematisch erhobenen Verhaltensgründen sowie 400 bis 500 mit fachärztlicher Autismusdiagnose. Für das Schuljahr 2025/26 werden 1.911 Schüler:innen mit Förderschwerpunkt Autismus erfasst. Diese Zahlen bilden lediglich die Untergrenze ab, da Kinder ohne medizinische Diagnose statistisch nicht berücksichtigt werden. Damit bleiben zentrale Bedarfe für Unterstützung, Qualifizierung und räumliche Anpassungen in Kita und Schule unsichtbar und nicht planbar (Brede et al., 2017; Askarinam, 2016).



Ziele:

  • Höhere Sichtbarkeit der Forschung
  • Stärkere Verzahnung von Forschung und Lehre
  • Erarbeitung von Kriterien der Forschungsförderung

Kontakt

Marianne Burkert-Eulitz, M.A.

Hochschuldozentin Schwerpunkt Lehre und Forschung im Bereich Rechtswissenschaften, inbesondere Soziarecht, Familienrecht, Kinder- und Jugendhilferecht

Unser Verständnis von Neurodivergenz

Neurodivergenz wird nicht als individuelles Defizit verstanden, sondern als Ausdruck menschlicher Vielfalt. Das soziale Modell von Behinderung (Charlton, 2000) verdeutlicht, dass Teilhabeeinschränkungen aus der fehlenden Passung zwischen Person und Umwelt entstehen. Schulen sind Orte, an denen diese Passungsprobleme besonders sichtbar werden: Frontalunterricht, hohe soziale Dichte, sensorisch überladene Räume und rigide Zeitstrukturen privilegieren diejenigen, die sich an den vorherrschenden schulischen Normen anpassen können (Prengel, 2014; Prengel, 2018).

Kinder reagieren in solchen Kontexten häufig mit sichtbarem Verhalten auf unsichtbare Belastungen wie Überreizung, exekutive Dysfunktionen oder traumatische Vorerfahrungen (Pievsky & McGrath, 2018; McLean, 2016; Goodall et al., 2018). Dieses Verhalten wird jedoch oft als persönliches Versagen interpretiert. Forschung zeigt, dass insbesondere autistische und FASD-betroffene Kinder in Schulen systematisch ausgeschlossen werden, wenn ihre Bedarfe nicht verstanden werden (Brede et al., 2017; McLean, 2019; McLean, 2021).

Inklusion bedeutet daher nicht, Kinder „passend“ zu machen, sondern die Tiefenstruktur von Schule als potenziell behindernd zu erkennen und zu verändern (Smagorinsky, 2019; Bass, 2019a). Eine Pädagogik, die Kompetenz voraussetzt und Räume für unterschiedliche Formen von Kommunikation, Wahrnehmung und Kultur schafft, ist zentral (Bass, 2019b; Smagorinsky, 2016).

Was wir tun

Das Kompetenzzentrum für Neurodivergenz schafft Wissen, das die Bedarfe neurodivergenter junger Menschen im Berliner Kontext systematisch sichtbar macht. Dazu gehören:

  • Forschung zu Barrieren und Gelingensbedingungen in Schule, Jugendhilfe und Gesundheitssystem 
  • Entwicklung von Fort- und Weiterbildungsangeboten, die pädagogische Fachkräfte befähigen, inklusive Lern- und Lebensräume zu gestalten und diagnostische Praktiken kritisch zu reflektieren 
  • Transfer in die Praxis durch frei zugängliche Materialien, Leitfäden und Modelle, die evidenzbasierte Handlungsmöglichkeiten eröffnen
  • Begleitung wissenschaftlicher Projekte, Einwerbung von Drittmitteln und Aufbau eines Forschungsverbunds

 

Warum ein Verbund notwendig ist

Die Koordination zwischen Schule, Jugendhilfe, Gesundheitswesen und Eingliederungshilfe liegt derzeit häufig bei Familien – ein strukturelles Problem, das besonders neurodivergente Kinder belastet (McLean, 2021). Ziel des Kompetenzzentrums ist daher ein institutioneller Verbund, der Verantwortung systemisch organisiert.

Das Kompetenzzentrum knüpft an bestehende neurodiversitätsorientierte Forschung an und erweitert diese um einen dezidierten Transfer-, Qualifizierungs- und Vernetzungsauftrag an der Schnittstelle von Bildung und Jugendhilfe.

Damit wird ein Beitrag zur Weiterentwicklung eines Bildungs- und Jugendhilfesystems geleistet, das Vielfalt nicht als Ausnahme, sondern als Normalfall begreift und das strukturelle Bedingungen schafft, die neurodivergente junge Menschen stärken. Zugleich greift das Kompetenzzentrum zentrale Empfehlungen der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK, 2026) auf, insbesondere hinsichtlich der Verbesserung der Datenlage, der wissenschaftlich begleiteten Entwicklung barrierearmer Lernumgebungen sowie der Qualifizierung und Vernetzung pädagogischer Fachkräfte.

Literatur

Armstrong, T. (2015). The myth of the normal brain: Embracing neurodiversity. AMA Journal of Ethics, 17(4), 348–352. https://www.researchgate.net/publication/275361818_The_Myth_of_the_Normal_Brain_Embracing_Neurodiversity 

Askarinam, L. (2016, January 13). Schools in poor areas have more students with mental health needs. The Atlantic. https://www.theatlantic.com/politics/archive/2016/01/schools-in-poor-areas-have-more-students-with-mental-health-needs/458808/ 

Bass, C. (2019a). Confronting my disabling pedagogy: Reconstructing an English/Language Arts classroom as an enabling context. In P. Smagorinsky, J. Tobin & K. Lee (Hrsg.), Dismantling the disabling environments of education (S. 99–113). Peter Lang.

Bass, C. (2019b). Establishing a presumption of competence in the ELA classroom: One teacher’s story of creating space for autistic culture. Ought: The Journal of Autistic Culture, 1(1), Article 14. https://www.researchgate.net/publication/368820848_Establishing_a_Presumption_of_Competence_in_the_ELA_Classroom_One_Teacher's_Story_of_Creating_Space_for_Autistic_Culture 

Brede, J., Remington, A., Kenny, L., Warren, K., & Pellicano, E. (2017). Excluded from school: Autistic students’ experiences of school exclusion and subsequent re-integration into school. Autism & Developmental Language Impairments, 2, 1–20. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/2396941517737511 

Charlton, J. I. (2000).Nothing about us without us: Disability oppression and empowerment. University of California Press.

Goodall, J., et al. (2018). Neurocognitive functioning in depressed young people. Neuropsychology Review, 28, 216–231.

Grummt, M. (2025). Neurodiversität: die Sehnsucht nach kultureller Anerkennung, die Macht der neurotypischen Gesellschaft und Ansprüche an neurodiversitätsreflexive Pädagogik,Beltz Juventa.

Grummt, M. (2025). „Autismus und Neurodiversität. Pädagogische Implikationen.“ Menschen, 48(1), 41–47.

McLean, S. (2016). The effect of trauma on the brain development of children. Australian Institute of Family Studies (AIFS).https://www.researchgate.net/publication/311223824_The_effect_of_trauma_on_the_brain_development_of_children_Evidence-based_principles_for_supporting_the_recovery_of_children_in_care 

McLean, S. (2019). Systems and service supports for children and families living with FASD. Emerging Minds.emergingminds.com.au/resources/systems-and-service-supports-for-children-and-families-living-with-fetal-alcohol-spectrum-disorder-fasd/ 

McLean, S. (2021). Supporting children with neurodiversity. Australian Institute of Family Studies.https://aifs.gov.au/resources/policy-and-practice-papers/supporting-children-neurodiversity 

Neurodiversity Statistics Database. (2024). Neurodiversity prevalence estimates. https://neurodiversity.directory/neurodiversity-statistics/

Pievsky, M., & McGrath, R. (2018). The neurocognitive profile of ADHD. Archives of Clinical Neuropsychology, 33(2), 143–157.

Prengel, A. (2014). Inklusion in der Primarstufe: Merkmale, Hintergründe, Bausteine, Probleme. Grundschule aktuell, 125, 3–6. https://doi.org/10.25656/01:17679

Prengel, A. (2018). Pädagogik der Vielfalt: Inklusive Strömungen in der Sphäre spätmoderner Bildung. In F. J. Müller (Hrsg.), Blick zurück nach vorn – WegbereiterInnen der Inklusion (Bd. 2, S. 33–56). Psychosozial-Verlag. https://doi.org/10.25656/01:17003

Smagorinsky, P. (2016). (Hrsg.). Creativity and community among autism-spectrum youth. Palgrave Macmillan.

Smagorinsky, P. (2019). Vygotsky, “defectology,” and the Soviet approach to human difference. In P. Smagorinsky, J. Tobin & K. Lee (Hrsg.), Dismantling the disabling environments of education (S. 47–64). Peter Lang. https://www.researchgate.net/publication/373001061_Vygotsky_Defectology_and_Inclusive_Education 

Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) (2026). Autistische Kinder und Jugendliche in der Schule unterstützen. Stellungnahme der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz.